Karriere in der Wissenschaft erfolgreich planen: Tipps und Erfahrungen aus der Praxis

Interview mit Dr. Matthias Schwarzkopf – Karrierecoach für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler

Herr Dr. Schwarzkopf, Sie bieten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern unter anderem Coachings für Karriereentwicklung an. Wie läuft so ein Coaching ab?

Grundsätzlich beraten wir Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler verschiedener Karrierestufen. Doktorandinnen und Doktoranden, Postdocs und Professoren und Professorinnen. Die Karrierefragen, die für die einzelnen Personen von Relevanz sind, sind in der Regel sehr individuell. Wir arbeiten dann sehr klar heraus, was für die Coachees die nächsten notwendigen Schritte sind, um weiter zu kommen bzw. was für die Wissenschaftskarriere zu tun ist. Dann überlegen wir gemeinsam, ob es Blockaden bzw. konkrete Schwierigkeiten gibt und entwickeln dafür Lösungen.

Wenn Sie sagen, „[…]was zu tun ist für die Wissenschaftskarriere, bzw. was die nächsten notwendigen Schritte sind[…]“, haben Sie zwei oder drei Beispiele zur Veranschaulichung?

Das ist relativ einfach zu benennen. Wissenschaftskarriere in Deutschland heißt ganz klar, man muss dazu bereit sein, Professorin oder Professor zu werden. Das ist so, weil es innerhalb des Wissenschaftssystems ansonsten nur eine sehr begrenzte Zahl von Stellen mit einem permanenten Arbeitsvertrag gibt. Für diese Stellen gibt es zudem keine zuverlässige Karrierestrategie. Wenn man Professorin oder Professor an einer Universität werden will, dann gibt es zwei zentrale Kriterien, die man erfüllen muss. Erstens muss ich gut publiziert haben und zweitens sollte ich Drittmittelprojekte eingeworben haben. Es gibt ganz wenige Ausnahmen.

Sie bieten Ihr Karriere-Coaching für unterschiedliche Stufen einer wissenschaftlichen Karriere an. Was sind die grundlegenden Fragestellungen Ihrer Kunden abhängig von der Karrierestufe?

Der Unterschied liegt darin, ob ich bereits Professorin oder Professor bin, oder ob ich mich noch auf dem Weg dorthin befinde. Und für die Leute auf dem Weg zur Professur ist es erst einmal wichtig, die sogenannte Berufungsfähigkeit herzustellen, sprich so viel an wissenschaftlichen Leistungen und gegebenenfalls auch an Zusatzleistungen zu erarbeiten, dass sie gute Chancen auf die angestrebte Professur haben. Sobald man auf der Professur ist, ändert sich die Fragestellung.

Eine Möglichkeit ist es, sich auf weitere Professuren zu bewerben. Es gibt sozusagen Aufstiegsmöglichkeiten: Viele Professorinnen und Professoren steigen mit einer W2-Professur ein und möchten auf die nächste Stufe, die W3-Professur, aufsteigen. Aber selbst von W3-Professuren lohnt es sich in vielen Fällen, sich weiter zu bewerben. Die Frage ist: Was soll ich tun, um dann bei weiteren Ausschreibungen noch mal erfolgreich zu sein?

Ganz andere Fragen bei Professorinnen und Professoren können bezüglich der Gestaltung der Professur auftreten: Wie bin ich als Vorgesetzte oder Vorgesetzter? Wie gehe ich mit Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern um? Wie sorge ich dafür, dass ich mich innerhalb dieses Wissenschaftskontexts, also der konkreten Einrichtung in der ich arbeite, gut platzieren und mich durchsetzen kann? Wie kann ich vielleicht die Scientific Community, in der ich agiere, mitprägen etc.?

Neben Zielen geht es bei Coachings häufig auch um Ängste. Wovor haben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler hinsichtlich ihrer Karriere Angst?

Die häufigste Angst ist es, irgendwann aus dem Wissenschaftsapparat heraus zu fliegen. Das ist im deutschen System relativ brutal. Sie kommen irgendwann auf die Professur, oder Sie müssen die Wissenschaft verlassen. Das ist die Standardangst und diese ist nicht unberechtigt. Das heißt, diese Angst kann man auch nicht einfach nehmen, sondern man muss eine sinnvolle Risiko-Analyse betreiben. Andere Ängste beziehen sich dann eher auf Themen die in der Lebensplanung liegen, z.B.: Was bedeutet Wissenschaftskarriere für Familiengründung? Werde ich irgendwann überhaupt Familie gründen können? Oder wenn ich eine Familie habe, was bedeutet mein Karriereweg für die Familie? Und dann gibt es verschiedene Formen von Versagensängsten, z.B. irgendwann nicht mehr kreativ zu sein, die Publikationen nicht unter zu kriegen oder keine Drittmittel einwerben zu können usw.

Haben sich diese Ängste in den letzten 10 Jahren verändert?

Nein, würde ich nicht sagen. Man könnte vielleicht anführen, die Konkurrenz ist noch ein wenig größer geworden, weil noch mehr Leute auf Promotionsstellen und auf Postdoc-Stellen kommen. Aber die Grundstruktur der Ängste im System hat sich nicht verändert.

Das Bundesministerium für Bildung und Forschung will den Ausbau von Tenure-Track Stellen stärker finanziell fördern. Unter anderem soll die Vereinbarkeit von Beruf und Familie verbessert werden. Welche Erfahrung machen ihre Kundinnen und Kunden bezüglich der Vereinbarkeit von Beruf und Familie?

Das ist ein ambivalentes Thema. Auf der einen Seite gibt es eine mitunter bessere Vereinbarkeit als es in Unternehmen der Fall ist, weil sie häufig von den Arbeitszeiten her flexibler sind. Das merken insbesondere Doktorandinnen und Doktoranden. Auf der anderen Seite gibt es eine schlechtere Vereinbarkeit, weil spätestens auf Postdoc-Ebene die Selbstverantwortung für die eigene Karriere so groß ist, dass sie ein hohes Risiko haben ganz entgrenzt zu arbeiten. Also wirklich jede freie Minute zu nutzen. Dann kriegen sie mitunter so ein Gefühl, dass Kolleginnen und Kollegen, die keine Kinder haben einen Vorteil hätten, weil die noch mehr arbeiten können. Deswegen entsteht häufig die Wahrnehmung, dass Wissenschaftskarriere schlecht mit Familiengründung zu vereinbaren ist.

Wir haben deshalb im wissenschaftlichen Bereich auch eine relativ hohe Zahl von kinderlosen Wissenschaftlerinnen. Wissenschaft ist gerade auch in dieser Perspektive nach wie vor sehr stark diskriminierend gegenüber Frauen. Wissenschaftlerinnen, die Kinder haben, erleben nach wie vor in nicht wenigen Fällen Benachteiligungen.

Aber viel schlimmer ist das Bild, das Männern und Frauen gleichermaßen aufgezwungen wird: Wissenschaftskarriere brauche eine Verfügbarkeit von mindestens 60 Stunden pro Woche. So erlebe ich oft bei Nachwuchswissenschaftlerinnen, insbesondere bei Postdoktorandinnen, dass sie eine höhere Neigung haben abzubrechen als Männer, weil sie den Eindruck haben, sie müssen sich entweder für Familie entscheiden oder für Wissenschaftskarriere.

Ein weiterer Grund ist die Erwartung, dass Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler räumliche Flexibilität haben müssen. Sie müssen bereit sein irgendwo in Deutschland, Österreich, der Schweiz oder anderswo im Ausland eine Professur anzunehmen. Sie können eben nicht sagen, wenn sie jetzt in Leipzig Postdoc sind, dass sie dann in Leipzig auch eine Professur erhalten. Das heißt dann auch, wenn sie größere Kinder haben, müssen sie diese umschulen lassen. Der Partner muss eine neue Stelle suchen, oder häufig noch schwieriger, sie müssen bereit sein eine Fernbeziehung zu führen. All das ist für die Familie bzw. die Familienplanung unglaublich schwer. Zumal sie auch nicht vorhersagen können, wann das stattfinden wird. Das kann in zwei Jahren sein, das kann in sechs Jahren sein. Und gegenüber all diesen Ängsten sind Tenure-Ansätze eine mögliche Lösung.

Wie kann ein Coaching helfen, wenn die Klientin oder der Klient damit überfordert ist, beruflichen und privaten Ansprüchen gerecht zu werden?

Coaching hilft auf verschiedenen Ebenen. Es hilft auf der einen Seite zu klären, was sind die aktuellen Herausforderungen? Im zweiten Schritt geht es darum konkrete Lösungsansätze zu finden. Coaching dient häufig dazu, überhaupt jemanden zu haben mit dem man über diese Dinge reden kann. Meine Klientinnen und Klienten befinden sich mitunter in einer Arbeitsumgebung, wo sie Sorge haben ihre Probleme mitzuteilen, weil es mitunter als Schwäche ausgelegt wird und man deswegen ihre Leistungsfähigkeit anzweifelt. In meinem Coaching ist das Ziel herauszufinden, wie man die Situation verändern kann, sodass man besser damit und mit sich selbst umgehen kann. Im herausforderndsten Fall führt es aber auch dazu, dass man sich bewusst gegen bestimmte Sachen entscheidet.

Sie sagten, dass gewisse Dinge als Schwäche ausgelegt werden könnten. Ist diese Angst berechtigt? Entspricht diese Angst der Realität?

Es bildet Realität ab. Wir haben Menschen, die sehr verständnisvoll sind und positiv mit Herausforderungen und Ängsten umgehen. Wir haben Vorgesetzte, die sich gut um ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter kümmern. Wir haben aber auch das Gegenteil und das leider sehr häufig. Ein Grund ist, neben den vielen schwierigen systemischen Bedingungen von Wissenschaft, dass Professorinnen und Professoren bzw. Vorgesetzte meistens nicht für die Aufgabe „Personalführung“ vorbereitet sind.

Was würden Sie jungen Wissenschaftlern raten, die von einer Professur auf Lebenszeit träumen?

An erster Stelle würde ich raten, die Leidenschaft für die Forschung zu bewahren. Gute und interessante Forschung ist für den Karriereweg einer Universitätsprofessur das A und O. Wenn Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler Leidenschaft für die Forschung haben, wenn sie kreativ sind und eigene Forschungsthemen entwickeln, dann empfehle ich immer dabei zu bleiben.

In solchen Fällen empfiehlt sich oftmals eine Risikoanalyse, um aufzuzeigen welche Risiken der konkrete Forschungsweg in sich birgt und wie groß diese sind. Gerade in der Promotionsphase kann dann noch nachjustiert werden. In der Postdoc-Phase wird das bereits schwieriger, ist aber auch noch möglich. Am liebsten mache ich dann mit den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern eine Art Karriereplanung, die die notwendigen Schritte beschreibt und zugleich offen für Anpassungen ist.

Was glauben Sie ist wichtiger für die wissenschaftliche Karriere. Die Abschlussnote der Doktorarbeit, das Thema, oder gute Kontakte?

Also die Abschlussnote ist sekundär, solange sie eine von den beiden guten Noten ist. Nach meiner Erfahrung ist klar, sie brauchen summa oder magna cum laude. Mit nur cum laude wird es schwerer. Nicht unmöglich, aber deutlich schwerer. Das Thema selbst hat Relevanz, insofern es einen Zugang für einen bestimmten Fachbereich schafft, andere Fachbereiche aber mitunter sofort unzugänglich macht. Wesentlich wichtiger sind die fachlichen Kompetenzen, die sich, je nach Fach, in der Erforschung des Themas und der schriftlichen Darstellung zeigen. Das heißt: Welche Forschungsmethoden beherrschen Sie? Wie haben Sie das Thema entwickelt? Wie konnten Sie es schriftlich darstellen? Wie gut können Sie es in der Community platzieren? Wie hochrangig können Sie es publizieren? Die guten wissenschaftlichen Kontakte sind langfristig natürlich auch wichtig. Für den Weg zur Professur aber vor allem, um mit der eigenen Forschung in der Community bekannt zu werden und mit Kolleginnen und Kollegen Forschungsideen zu entwickeln.

Inwiefern kann das Promotionsthema die Wissenschaftskarriere bereits beenden?

Wenn Sie ein Spartenthema bearbeiten, das in der Community niemanden interessiert, haben Sie mitunter Schwierigkeiten, eine Postdoc Stelle zu finden. Sie werden dann gegebenenfalls keine Chance haben, einen Forschungsantrag zu stellen und hochrangig zu publizieren.

Eines Ihrer Seminare heißt „Alternativen zur Wissenschaftskarriere“. Wie kann man sich die Besucher dieses Seminars vorstellen?

Die Besucherin oder der Besucher denkt darüber nach, was sie oder er macht, wenn es mit der Wissenschaft nicht weitergeht. Mehrheitlich sind das Doktorandinnen und Doktoranden, weil klar ist, dass mehr als 60 Prozent nicht in der Wissenschaft bleiben. Sie kommen häufig aus Fächern, in denen der Einstieg in Karrieren außerhalb der Wissenschaft nicht so eindeutig ist: Geistes- und Sozialwissenschaften und Physik, oder aus Fächern, in denen es nicht genügend Stellen in Forschungsabteilungen in Unternehmen oder in passenden Behörden im öffentlichen Dienst gibt: Lebenswissenschaften, Chemie etc.

Wie ist dieses Seminar aufgebaut?

Das Seminar hat drei Teile. 1. Welche Kompetenzen haben die Teilnehmerinnen und Teilnehmer? 2. Wir überlegen zusammen, wo es auf dem Arbeitsmarkt Stellen gibt, die zu den Kompetenzen passen. Dazu zeige ich verschiedene Suchstrategien. 3. Was will ich überhaupt in meinem Berufsleben? Wie soll mein Berufsleben im Verhältnis zu meinem übrigen Leben aussehen? Was ist mir eigentlich wichtig?

Wie viele ihrer Klientinnen und Klienten aus der Wissenschaft beschäftigen sich mit dem Gedanken einer Alternative?

In den Workshops selber ist dieses Thema „Alternative zur Wissenschaftskarriere“ eines der bestgebuchten und macht ca. 30 Prozent meiner Workshop-Aufträge aus. In Einzelcoachings sind es geschätzt 20 Prozent. Sonst haben meine Klientinnen und Klienten ganz andere Themen.

Sie coachen speziell zum Thema „how to find your job in the non-academic labour market“. Wie unterscheidet sich die Jobsuche auf dem wissenschaftlichen im Gegensatz zum nichtwissenschaftlichen Arbeitsmarkt?

Der Hauptunterschied liegt darin, dass die Kriterien der außerwissenschaftlichen Karriere sehr viel diverser sind, als es bei Wissenschaftskarriere der Fall ist. Zudem ist das Jobangebot außerhalb der Wissenschaft viel größer. Deswegen ist Wissenschaftskarriere anspruchsvoller und letztlich risikoreicher. Außerhalb der Wissenschaft haben sie viel weniger Risiken, weil sie viel mehr Jobs und viel heterogenere Karrierewege haben. Hierfür muss man vor allem geeignete Suchstrategien entwickeln und dann lernen sich zu bewerben.

Gibt es bezüglich des Bewerbungsschreibens und des Lebenslaufes Punkte, die Sie für eine wissenschaftliche Stelle empfehlen, jedoch bei einer nichtwissenschaftlichen Stelle auf gar keinen Fall erwähnen würden, oder umgekehrt?

Nein, gibt es nicht wirklich. Bei beiden Stellentypen ist es wichtig, dass man den Leuten erklärt, wieso man auf die Stelle passt.

Welche wissenschaftliche Fachrichtung ist besonders Coaching affin?

Kenne ich keine. Coaching affin sind Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus allen Fächern. Die Fragen sind oft sehr ähnlich.

Wer ist leichter zu coachen? Geistes- oder NaturwissenschaftlerInnen?

Kein Unterschied. Die Probleme sind ganz ähnlich. Die Personen sind von ihrer Art total heterogen. Es gibt Leute, die sind sehr genau auf den Punkt und die wissen was sie wollen und können das selber auch gut umsetzen. Dann gibt es Leute, die aus verschiedenen Gründen eher blockieren oder ängstlicher sind. Oder es gibt jene, die sich in ganz schwierigen Situationen befinden, die nicht einfach zu ändern sind. Deswegen hat es mit den Fächern nichts zu tun sondern mit der Person und auch mit der Situation, in der sie sich befinden.

Sie sind unter anderem auf Berufungsverfahren spezialisiert. Welche Tipps würden Sie Bewerberinnen und Bewerbern in einem Berufungsverfahren mitgeben?

Für die schriftliche Bewerbung ist es besonders wichtig, dass die Bewerberin oder der Bewerber sich klar macht, dass in der Berufungskommission häufig Leute sitzen, die kein Expertenwissen in dem jeweiligen Teilgebiet haben. Das heißt, die Bewerberin oder der Bewerber muss gut erklären, warum sie oder er fachlich auf die Stelle passt. Das ist das Wichtigste für das Schriftliche. Dann haben wir typischerweise einen Vortrag und ein Gespräch mit der Kommission. Diesbezüglich ist es wichtig sehr gut vorzubereiten, wieso ich auf diese Stelle in dieser konkreten Einrichtung passe. Ich muss erklären können, was ich dort machen werde und ich muss in der Lage sein, dem Komitee interessante Zukunftsperspektiven aufzeigen zu können.

Was sind die häufigsten Fehler die in der Lehrprobe gemacht werden?

Häufigste Fehler bei der Lehrprobe sind eine schlechte Struktur. Am zweit häufigsten hat sich die Bewerberin oder der Bewerber die Zielgruppe nicht klargemacht und deswegen z.B. das Fachsemester der Studierenden außer Acht gelassen. In Folge dessen sind dann die verwendeten Methoden und Inhalte nicht zielgruppengerecht. An dritter Stelle folgen dann klassische Handwerksfehler. Zu schnelles oder langsames Vortragen, unsauberer Tafelanschrieb, überfüllte Folien. Zuletzt fällt mir noch ein weiterer Fehler ein, den ich zum Glück nur ganz selten erlebe – Arroganz.

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